„Ein Angebot,
das seinesgleichen sucht“

Zweisprachig vom Kindergarten bis zum Abitur

Noch fristet der bilinguale Bildungsgang in Baden-Baden ein wenig ein Schattendasein. Wenn es nach dem Willen der daran Beteiligten – dem vom AWO Kreisverband Baden-Baden getragenen deutsch-französischen Kindergarten „Der kleine Prinz/Le Petit Prince“, der Grundschule Baden-Oos sowie dem Richard-Wagner-Gymnasium (RWG) – geht, so wird sich dies bald ändern. Und deswegen haben sie nun einen Arbeitskreis gebildet, in dem man sich künftig regelmäßig zum inhaltlichen Austausch treffen will und eine Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit anstrebt. 

Dass der bilinguale – in Baden-Baden: deutsch-französische – Bildungsgang bisher bei Bürgern wie Stadtspitze noch nicht die Beachtung erhält, die er verdient, ist eigentlich kaum nachvollziehbar. Denn er eröffnet zum einen für die Kinder und Jugendlichen, die ihn absolvieren, neue Perspektiven. Sie wachsen nicht nur zweisprachig auf und können am RWG das deutsche Abitur und das französische Baccalauréat (Abi-Bac) ablegen, das ein Studium an französischen Hochschulen eröffnet, sondern lernen auf diesem Weg auch sehr viel über die Kultur des Nachbarstaats. Und für die Stadt, so AWO-Geschäftsführer Olaf Köpke, „kann und sollte er Anlass sein, im Wettbewerb um Standortvorteile für die Ansiedlung von Betrieben und den Zuzug von Familien zu werben“.

Start für „das Angebot, das seinesgleichen sucht“ (Köpke) ist im „Kleinen Prinzen“. Die Kinder, so Leiterin Heidi Quéré, begegnen hier der französische Sprache nicht durch Vokabeln lernen, sondern durch ihr Alltagshandeln. Es sei eine andere Form des sonst üblichen Lernens, sagt Heidi Quéré, „aIles fließe quasi“. Und in jeder der Kindergartengruppen gibt es eine muttersprachliche Erzieherin, mit der die Kinder ausschließlich Französisch sprechen „dürfen“.

Dank der Kooperation mit der Grundschule Oos, an der es seit drei Jahren den deutsch-französischen Zug gibt, schauen auch schon vor dem Übertritt gelegentlich Lehrerinnen im Kindergarten vorbei, um die Kinder kennenzulernen, berichtet Sophie Guérin, die an der Grundschule Oos unterrichtet. Der Unterricht dort wird, so Rektor Albert Schück, nach dem Konzept „1 Lehrer – 1 Sprache“ geführt. Das heißt, dass jede Bilingualklasse mindestens einen französischen Klassenlehrer, sowie einen oder mehrere deutsche Fachlehrer hat. Für die Schüler bedeutet dies, sie dürfen sich in beiden Sprachen äußern, erhalten aber vom französischen Lehrer ausschließlich französische Antworten.  Mit fortschreitender Klassenstufe sind die Schüler dazu angehalten, sich auf Französisch zu äußern. Neben den Fächern Deutsch sowie Mathematik und Religion, die auf Deutsch unterrichtet werden, habe die Grundschüler vier Wochenstunden Französisch sowie sechs bis sieben Wochenstunden Musik/Natur/Kultur auf Französisch. Laut Albert Schück ist das Interesse von Eltern am bilingualen Bildungsgang hoch und konstant. Vor allem würden sich immer mehr Eltern für diese Unterrichtsform interessieren, deren Kinder nicht zuvor  den deutsch-französischen Kindergarten besucht hätten. Im neuen Schuljahr seien dies etwa ein Viertel der Kinder der Bilingualklasse.

Der vorherige Besuch des bilingualen Kindergartens und/oder Zuges der Ooser Grundschule ist auch keine Voraussetzung, um letztlich am RWG das Abi-Bac abzulegen, betonen dessen Schulleiter Oberstudiendirektor Reiner Krempel und die zuständige Fachbereichsleiterin Erika Géraud. Entscheidend sei ein besonderes Interesse an französischer Sprache und Kultur, eine Extra-Portion Motivation könne dabei nicht schaden, um das zusätzliche Lernpensum zu bewältigen. Das Lernen am Gymnasium sei natürlich weniger spielerisch, hier werde verstärkt der Kopf benötigt. Im Unterricht, so Erika Géraud werde darauf geachtet, dass authentisches Material wie französische Filme und Literatur eingesetzt wird. Besonders erfreue sie zu beobachten, wie sich Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Kenntnisstand und Fähigkeiten gegenseitig „hochschaukeln“ würden, sogar die gute Aussprache derer, die schon vorher den deutsch-französischen Kindergarten besucht hätten oder aus Familien mit einem ein französischen Elternteil kämen, würde auf die anderen abfärben.

In einigen Jahren wird sich der Kreis schließen: Dann werden Absolventinnen und Absolventen des bilingualen Bildungsgangs als Erzieherinnen im Kindergarten „Le Petit Prince“ tätig sein oder als Lehrerinnen und Lehrer an der Grundschule Oos oder am Richard-Wagner-Gymnasium die nächste Generation Baden-Badener Kinder unterrichten.