Mit einem Morgenspruch in den Tag starten, zwei Stunden in der Woche mit Eurythmie verbringen und ohne Bücher lernen: Das gibt es nur an Waldorfschulen. Unterricht in einem umgebauten Kasernengebäude mitten im Schlosspark und Schüler aus einem Einzugsgebiet, das von Bühl über Forbach bis nach Durmersheim reicht: Das gibt es nur an der Waldorfschule Rastatt.

Von Werken, Wissenschaft und wallenden Gewändern

Die Freie Waldorfschule Rastatt im Portrait

Rastatt, 29.4.2011 – Die Freie Waldorfschule Rastatt e.V. ist eine Schule in freier Trägerschaft, die dezentral organisiert ist. Es gibt keinen Rektor, die Verwaltung verteilt sich auf den Lehrkörper und die Elternschaft und seit einigen Monaten haben, dank des neuen Schulparlaments, auch die Schüler ein Medium, um ihre Anliegen anzubringen.
Die Kinder werden in der 1. Klasse in die Waldorfschule eingeschult und verlassen sie mit einem staatlichen Abschluss. Wo also ist der Unterschied zu einer staatlichen Schule?

Die Freie Waldorfschule Rastatt …
… besteht seit 1998
… ist eine einzügige Gesamtschule und umfasst die Klassenstufen 1 bis 13
… beschäftigt 32 Lehrer
… unterrichtet 348 Schüler
… bietet den Haupt- und Realschulabschluss sowie das Abitur an
… ist eine von weltweit über 900 Waldorfschulen

 

…in Zeiten von Bildungsdruck und Leistungswahn

Die PISA-Studie lässt Eltern und Lehrer unruhig werden, das achtjährige Gymnasium sorgt für ein Turbo-Abitur, die Schüler müssen immer besser werden und das immer schneller. Im Alltag wird dann immer mehr und immer länger gelernt und die Freizeit kommt zu kurz. Aber nicht alle Eltern wünschen sich das für ihr Kind, nicht alle Schüler kommen damit zurecht und so beginnt man, nach Alternativen zu suchen.

Eine Schule, in der nicht nur die kognitiven Fähigkeiten des Kindes ausgebildet werden, sondern Wert auf die Gesamtentwicklung des jungen Menschen gelegt wird, das ist eine Alternative. „Im Mittelpunkt der Mensch“, so lautet die Devise der Waldorfpädagogik. Damit kommt sie dem Wunsch vieler Eltern entgegen, ihr Kind nicht Teil der deutschen Bildungsmaschinerie werden zu lassen, sondern ihm individuelle Zuwendung und freie Entfaltungsmöglichkeiten zuteil werden zu lassen.

An einer Waldorfschule lernen die Kinder ohne Druck, es gibt keine Noten und kein „Sitzen bleiben“. In den schriftlichen Beurteilungen am Ende des Schuljahrs werden nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Bemühungen der Schüler gewürdigt. Besonders am Ende der Grundschulzeit, wenn Eltern vor der Wahl stehen, welche Schule für ihr Kind geeignet ist, entscheiden sich viele für eine Waldorfschule.  



…und der Epochenunterricht

Der Schultag eines Waldorfschülers beginnt stets mit dem Epochenunterricht von 7.45 – 9.30 Uhr. Mehrere Wochen wird in dieser Zeit das gleiche Fach unterrichtet. Eine Geschichtsepoche zu haben bedeutet also, pro Woche zehn Schulstunden Geschichte zu haben und das drei bis vier Wochen lang. In dieser Zeit ist eine sehr intensive Beschäftigung mit dem Thema möglich, danach ist allerdings für eine ganze Weile Schluss mit Geschichte. 

Handwerklich-Künstlerische Fächer  sind ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans einer Waldorfschule


…und die Naturwissenschaften

Die Rastatter Waldorfschule sieht ihre Aufgabe bezüglich der Naturwissenschaften laut ihrer Website „nicht darin, eine voruniversitäre Ausbildung zu betreiben, sondern den Unterricht inhaltlich so zu vertiefen, dass er sich mit den Lebensproblemen des jungen Menschen verbinden kann und Antworten auf seine Lebensfragen gibt.“ Der entscheidende Unterschied zum naturwissenschaftlichen Unterricht der staatlichen Schulen ist dabei die phänomenologische Betrachtungsweise, die den Schülern eigene Entdeckungen ermöglicht.


Mit nur jeweils einer Physik-, Chemie- und Biologieepoche pro Klassenstufe scheint der naturwissenschaftliche Bereich an der Freien Waldorfschule Rastatt noch stark ausbaufähig. Denn, gesetzt den Fall, dass eine Chemieepoche zu Beginn der zehnten Klasse stattfindet, die nächste aber erst am Ende der elften Klasse, haben die Schüler knapp zwei Jahre lang nicht eine Stunde Chemie – ein aufeinander aufbauender Unterricht wird unmöglich.

 

… und der handwerklich-künstlerische Unterricht

Neben typischen Fächern der Fremdsprachen, Natur- und Geisteswissenschaften werden an der Rastatter Waldorfschule beispielsweise auch Gartenbau, Holzwerken, Korbflechten und Buchbinden unterrichtet. Die handwerklich-künstlerischen Fächer sind ein Schwerpunkt aller Waldorfschulen und – unabhängig von den eigenen Begabungen –  verpflichtend zu besuchen. Durch diese Angebote „hat man die Möglichkeit, spezielle Einblicke in Berufsfelder zu gewinnen und auch ganz neue Seiten an einem selbst zu entdecken“, findet Franziska Rauch, derzeit Abiturientin an der Freien Waldorfschule Rastatt.

 

…bietet mehr

Die Waldorfschule zeichnet sich durch ihre Vielfältigkeit aus. In der 9., 10. und 11. Klasse sind Praktika im landwirtschaftlichen und sozialen Bereich sowie ein Berufspraktikum vorgesehen und in der 8. und 12. Klasse wird jeweils ein Theaterstück, das so genannte Klassenspiel,  erarbeitet. In der 11. Klasse finden Projektarbeiten statt, bei denen sich die Schüler ein halbes Jahr mit einem selbst gewählten Thema beschäftigen, das sie schriftlich ausarbeiten, durch einen praktischen Teil vertiefen und am Ende öffentlich präsentieren. Ob dabei der Schwerpunkt auf dem praktischen Teil liegt, wie etwa bei dem Bau eines Möbelstücks, oder auf der schriftlichen Ausarbeitung, beispielsweise bei einem medizinischen Thema, bleibt jedem selbst überlassen.

„Mein rückblickendes Fazit auf 13 Schuljahre an der Waldorfschule ist vor allem dadurch bestimmt, dass ich in der Schule nicht nur für die Arbeiten, Tests, gute Noten und die Prüfungen gelernt habe, sondern auch fürs Leben allgemein eine Menge hilfreicher Erfahrungen mitnehmen kann“ meint Franziska Rauch.

 

In der 13. Klasse tritt die Waldorfpädagogik in den Hintergrund, im Vordergrund steht das Abitur

 

…und der Realschulabschluss

Da der Lehrplan einer Waldorfschule auf zwölf Schuljahre ausgelegt ist, wird die Realschulprüfung nicht wie an einer Staatsschule in der zehnten Klasse, sondern erst in der zwölften Klasse abgelegt. Das wird von den Schülern tendenziell positiv aufgenommen, denn zwölf Jahre Schule geben die Möglichkeit einer fundierten Entscheidung über den zukünftigen Beruf. Die Prüfungen selbst unterscheiden sich im nur Fach Mathematik. Da die Waldorfschüler zwei Jahre länger Mathematikunterricht haben, sind die Anforderungen in diesem Fach entsprechend höher.

 

…und der „Crashkurs Abitur

Die Abiturprüfungen werden nach 13 Schuljahren abgelegt, G8 gibt es an Waldorfschulen nicht. Die Prüfungen sind aufgrund des baden-württembergischen Zentralabiturs identisch mit denen der staatlichen Schulen und finden auch zeitgleich statt. An der Rastatter Waldorfschule werden die schriftlichen Prüfungen in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathe sowie in Geschichte abgelegt, mündlich geprüft werden Biologie und Französisch. Neben diesen Fächern hat man in der 13. Klasse noch Unterricht in den so genannten Hospitationsfächern Geographie und Chemie, in denen eine Prüfung durch Klausuren und sonstige Leistungen im Unterricht ersetzt wird. Wahlmöglichkeiten gibt es hier (noch?) nicht.

An der Waldorfschule errechnet sich die Abiturnote ausschließlich aus den Prüfungsergebnissen, während an Gymnasien bereits die Noten der 12. und 13. Klasse einfließen. Im Unterschied zu Gymnasiasten kommen Waldorfschüler also noch in eine echte Prüfungssituation, eine Klausur entscheidet über Bestehen oder nicht Bestehen des Abiturs. „Zum Abitur hin wird dann der Nachteil deutlich, dass man eben nicht schon ab der 12. Klasse Punkte fürs Abi sammeln kann, was natürlich für Schüler, die nicht über zwei Jahre kontinuierlich arbeiten können, auch ein Vorteil sein kann“. stellt Franziska Rauch fest. Und ein Schüler der 13. Klasse kritisiert: „Meiner Meinung nach ist die Planung der Oberstufe noch unausgereift. Die Angst vor den Prüfungen steigt durch den sprunghaft ansteigenden Druck“. Nach 12 Jahren harmonischer Schulzeit ohne Druck und ohne Drill kommt mit dem Beginn der 13. Klasse für viele die Erkenntnis: Es ist höchste Zeit, das Lernen zu lernen. Der „Crashkurs Abitur“ wirft die Waldorfschüler zunächst ins eiskalte Wasser. Doch die Zahlen sprechen für sich. Laut „Focus“ machen im Schnitt 47% der Abgänger von Waldorfschulen das Abitur und auch der Notendurchschnitt des Abiturs 2010 war an der Rastatter Waldorfschule mit 2,0 besser als der landesweite Schnitt von 2,37.

Das Bild des Waldorfschülers als weltfremder Esoteriker, der sein Abitur geschenkt bekommt und sich in der harten Welt nach der Schule nicht zurechtfindet – es ist also ein endgültig überholtes Vorurteil. Die Freie Waldorfschule Rastatt entlässt individuelle, mündige Schüler, die mehr können, als Fakten zu reproduzieren. Waldorfschüler lernen, sich eine Meinung zu bilden und sie auch zu vertreten und ja – sie lernen auch ihren Namen zu tanzen, aber das hat im Leben sicher noch keinem geschadet.

www.waldorfschule-rastatt.de

 
> Theresa King