Der Holocaust-Überlebende Pavel Hoffmann sprach mit Schülern der Jahrgangsstufe 11 des RWG (Foto: V. Gerhard)

Anschlag auf die Menschlichkeit

Zeitzeuge am Holocaust-Gedenktag im Richard-Wagner-Gymnasium

Baden-Baden, 1.2.2012– Wie wichtig es ist, sich mit dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte auseinanderzusetzen und Gedenktage in Schulen zu begehen, zeigen auch jüngst Gewaltaktionen Rechtsradikaler, ein konstant latenter Antisemitismus in Teilen der Bevölkerung oder das Umfrageergebnis, bei dem mehr als 20 Prozent der jüngeren Generation den Begriff Auschwitz nicht kannte.   

Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wurde am Richard-Wagner-Gymnasium ernst genommen mit Veranstaltungen und Schüleraktionen. Sehr bewegend war der Vortrag des Zeitzeugen Pavel Hoffmann vor Schülern der Jahrgangsstufe 11, der aus reinem Zufall die Verbrechen des Nationalsozialismus überlebte. Bei dieser Begegnung der Schüler mit dem Zeitzeugen waren die millionenfachen Opfer des Nationalsozialismus nicht mehr abstrakt in Lehrbüchern, sondern bekamen ein Gesicht, wurden die Verbrechen und das Grauen am Schicksal einer jüdischen Familie erkennbar.

Pavel Hoffmanns Geburtsjahr ist das Jahr 1939 in der damaligen Tschechoslowakei, kurz nachdem die Nazis das Land besetzten. 1942, nach dem Attentat auf den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, wurde sein Vater im Zuge einer Racheaktion der Nazis in einem Stadion erschossen, wie über tausend Mitglieder der tschechischen und jüdischen Intelligenz. Rund ein Jahr später wurden der kleine Junge Pavel und seine Mutter, eine Kinderärztin, in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Seine Mutter war nach der Ermordung des Vaters so geschwächt, dass sie die Zustände in Theresienstadt nur drei Wochen überlebte. Obwohl Theresienstadt kein Vernichtungslager war, sondern als Durchgangslager hin zu den Vernichtungsstätten Auschwitz, Treblinka oder Sobibor fungierte, starben bereits dort massenhaft Menschen an den unmenschlichen Zuständen.

Nach dem Tod seiner Mutter blieb Hoffmann als vierjähriges Kind in dem jüdischen Ghetto zurück und war fortan in einem sogenannten „Kinderheim“ untergebracht. Als die russische Armee Anfang 1945 schnell gen Westen vorrückte, wurde die Vernichtungsmaschinerie in den Konzentrationslagern des Ostens nochmals gesteigert. Trotzdem geschah für 1200 Insassen von Theresienstadt ein Wunder, sie wurden im sogenannten „Schweizer Transport“ in die Schweiz deportiert und gerettet.  „Warum ich mit unter den Geretteten war, weiß ich nicht, als Waisenkind mit vielen Opfern über vier Generationen der ganzen Familie, passte ich nicht in das Raster“, erklärte Hoffmann. Nach der Kapitulation der Deutschen, fuhr der Zug dann nach Prag zurück. Schließlich landete er schwer krank bei einer Tante in der damaligen Tschechoslowakei. Seine Erinnerung an die Zeit in Theresienstadt ist nur bruchstückhaft. Bis auf diese Tante und einen Onkel wurde seine ganze Familie Opfer des Nationalsozialismus. Im Rentenalter begann er sehr intensiv nach dem Schicksal seiner gesamten Familie zu forschen. Und er hält als Zeitzeuge Vorträge vor Klassen und Einrichtungen, damit sich ein solcher Anschlag auf die Menschlichkeit nie wiederholt. Seine zwei Töchter und Enkelkinder sind menschliche Zeichen, dass die Hitlers dieser Erde trotz brutaler Morde und ungeheuer viel Leid, die sie verbreiten, scheitern werden.

Hoffmann berichtete von dem Wahnsinn, der in Theresienstadt und in anderen Konzentrationslagern mit bürokratischer Akribie geschehen ist, von dem Abtransport in den Tod, von dem bewussten Anschlag auf die abendländische Kultur und der Pervertierung der Täter, die zu Barbaren wurden.

Die Schüler des RWG hörten intensiv zu und stellten am Ende des Vortrags Fragen, was Hoffmann als kleiner Junge vom Grauen des Lagers realisiert hat, wie er den Unterschied zwischen der Geborgenheit, dem normalen Leben zu Hause und der Lagerinternierung verarbeitet hat, Fragen nach dem weiteren Schicksal eines Waisen, der seine Familie und große Teile seiner Verwandten verloren hat, welche Gefühle er bei seinen ersten Begegnungen mit Deutschen hatte und wie ihm die Deutschen begegnet sind. Fragen die Hoffmann ausführlich beantwortet und er endete mit den Worten: „Wenn niemand mehr den Begriff Jude als Schimpfwort verwendet, wäre viel erreicht“. 

Volker Gerhard