Weltpolitik statt Schulbank

Die Schülerinnen und Schüler des Pädagogiums Baden-Baden üben sich in der hohen Kunst der Diplomatie

Baden-Baden 10.2.12 – Syrien hebt die Hand. „Motion to table the topic“ ruft einer der Delegierten lautstark, andere arabische Staaten unterstützen durch den Einruf „Second“. Der Chairman der UN-Hauptversammlung zögert einen Augenblick, dann lehnt er ab und es wird über die Resolution der USA debattiert. Aufatmen in der großen Runde, die weltpolitische Lage entspannt sich wieder – zumindest für einen Augenblick.

Maxine Adams ist etwas enttäuscht, dass ihr nicht stattgegeben wurde, gibt sich aber der westlichen Übermacht geschlagen. Zwar ist die 18-Jährige beruflich weder Botschafterin noch Diplomatin, doch in dieser Woche trotzdem für die Angelegenheiten Syriens zuständig: Sie ist eine von mehr als 300 Jugendlichen, die am „MunoM“ teilnehmen, dem Model United Nations of Munich – einem Planspiel für Schüler, in dem die Arbeit der Vereinten Nationen möglichst realistisch nachgestellt wird.

Maxine und die anderen kennen das Protokoll der UN-Verhandlungen mittlerweile aus dem Effeff. Für die Dauer einer Woche schlüpfen sie in die Rolle von Diplomaten, übernehmen die Position eines Landes und setzen sich für dessen Interessen in Debatten und Resolutionsverhandlungen ein. Zuvor müssen sie sich jedoch als Delegierte der UN vorbereiten – und zwar gründlich. Bei den  Schülerinnen und Schüler aus dem Pädagogium Baden-Baden dauerte dies fast ein Jahr und dennoch fühlten sie sich am ersten Tag in München wie ins kalte Wasser geschmissen. „Als ich zu Beginn in mein Komitee ging, und vor Schülern aus ganz Europa auf Englisch eine Rede halten sollte, rutschte mir mein Herz schon etwas in die Hose, doch am zweiten Tag bereits war das ganz normal“, meint hierzu Caner Acikkol. „Besonders erstaunt hat mich, wie schnell und effektiv man hier lernt“ erzählt er weiter.

Für die Teilnahme in München hat sich das Pädagogium bereits schon früh registrieren müssen und mit Syrien ein sehr spannendes Land zugeteilt bekommen. Auch Dominik Föhrenbacher hat lange auf diese Woche hingearbeitet und  diskutiert nun schon seit Dienstag in seinem Ausschuss „Economic and Financial“ über das Thema „Minimizing the impacts of the global financial crisis on third world development”. Gemeinsam hat er mit anderen Ländern am ersten Tag eine Resolution erarbeitet, über die nun am letzten Tag in der Generalversammlung abgestimmt wird. Natürlich lässt auch er es sich nicht nehmen, hierzu noch einmal etwas vor der Hauptversammlung zu sagen.

„Es war gar nicht so einfach sich zu einigen, und gerade als Vertreter der „Syrian Arab Republic“ hat man es besonders schwer“, erzählt Pascal Hermann aus seinem Ausschuss. „Doch zum Glück hatten wir China, Sudan und den Iran auf unserer Seite“, führt er fort. Lobbying heißt hier das Zauberwort, das hier selbst junge Teilnehmer ganz selbstverständlich verwenden. Mit dunklen Anzügen, Krawatten und Lederschuhen sitzen die Jungs hinter Ihren Konferenztischen über Ihren Unterlagen, die Mädchen in dunklen Röcken oder Kostümen. Der strenge Dresscode ist hier Pflicht beim Rollenspiel.

In einer Pause meint Steve Grütz „Man trägt seine Rolle selbst noch hier in die Pausen hinein“, und schon ist er wieder in der Diskussion über  den Siedlungsbau im Westjordanland. Man mag es kaum glauben, dass es Jugendliche sind, die über die großen Fragen der Weltpolitik reden.In den Pausen wird selbstverständlich weiter in der Fremdsprache gesprochen: Schließlich sind neben den Schülern aus Deutschland auch Vertreter aus England, Norwegen, Türkei oder auch Italien anwesend.

Als der „Chair“ um kurz vor 3 die Generalversammlung zur letzten Abstimmung auffordert, sitzen dann alle wieder an ihren Plätzen und geben nacheinander die Voten für den Resolutionsantrag ab. Danach lockert sich die Athmosphäre dann sichtlich auf und man sieht die Anspannung aus den Gesichtern der Delegierten verschwinden. „Es hat unheimlich viel Spaß gemacht, diese ganzen weltpolitischen Themen zu diskutieren. Das war sicherlich nicht meine letzte Model United Nations Veranstaltung“, meint Moritz Geissel, ein weiterer Delegierter des Pädagogiums. „Ja, wenn man einmal damit anfängt, kann man nicht mehr damit aufhören“, ergänzt ihn Jonas Lamprecht und lacht. „das Tolle daran ist eigentlich, dass wir so tun, als würden wir reale Probleme lösen“ erzählt er. Thomas Weißinger, der Initiator für den Model United Nations Club am Pädagogium meint dazu: „Auch wenn das MunoM nur ein fiktives Spiel ist, Einfluss auf reale Entscheidungen kann es doch haben“. Zwei seiner 7 Delegierten überlegen nun nach dieser Erfahrung Internationale Beziehungen zu studieren. Ob sie danach vielleicht sogar bei den Vereinten Nationen arbeiten? Wer weiß das schon?