„Bildung ist für mich die soziale Frage des 21. Jahrhunderts“

Interview mit Patrick Meinhardt, MdB, über den Umgang mit der Informationsflut, klassische Sprachen und die Gleichwerigkeit von Handwerksmeister und Bachelor

 

18.4.2012Patrick Meinhardt ist Mitglied des Bundestages seit 2005 und bildungspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Wir haben hier nur einen Auszug des Interviews gepostet.  Das gesamte Interview könnt Ihr euch hier anhören:

Herr Meinhardt, Sie sind Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB) und bildungspolitischer Sprecher Ihrer Partei, der FDP. Können Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Tagesablauf als Abgeordneter geben?
Patrick Meinhardt: Ein Arbeitstag im deutschen Bundestag beginnt zwischen 6.30 und 7 Uhr und endet nicht vor 23 Uhr. Viele Besprechungen beginnen bereits um 7.30 Uhr. Als bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion führe ich die Arbeitsgruppen-Sitzungen. Danach folgen Landesgruppen-Sitzungen, dabei geht es um bundespolitische Themen, die auch für Baden-Württemberg interessant sein können. Fraktionssitzungen schließen sich an; auch die Plenarsitzungen müssen vorbereitet werden. Im Vorfeld führe ich dann viele Einzelgespräche mit anderen Abgeordneten und Referenten. Als Vorsitzender der Parlamentariergruppe Östliches Afrika empfange ich viele Botschafter.

Wie gehen Sie persönlich in Ihrem Arbeitsalltag mit dem Thema Informationsflut um?
Patrick Meinhardt: Pro Tag erhalten wir drei Mal Post; diese hat jedes Mal eine Höhe von je 20 cm. Dann erhalten wir pro Tag ca. 400 bis 500 E-Mails. An dieses Thema muss man daher sehr hart und konsequent herangehen. Priorität hat für mich alles, was in meiner Region passiert; tagesaktuell lese ich die Tageszeitungen online. Was passiert in Mittelbaden, in meinem Wahlkreis und in meiner Heimatstadt Baden-Baden? Unser Haus bietet Medienspiegel an. Mein eigenes Büro achtet sehr auf  Themen aus den Bereichen Bildung und Afrika und bereitet diese für mich auf.  

Welche Fremdsprachen sind für Sie in Ihrer täglichen Arbeit von Bedeutung?
Patrick Meinhardt: In meiner politischen Tätigkeit in erster Linie Englisch. Ein gewöhnlicher Dialog ist kein Problem, aber man muss sich immer wieder Fachbegriffe aneignen und manchmal unmittelbar vor einem solchen Gespräch diese nochmals nachlesen. Aufgrund meiner klassischen fremdsprachlichen Ausbildung in Latein, Alt-Griechisch und Hebräisch, kann ich die meisten europäischen Sprachen gut verstehen. Leider musste ich feststellen, dass eine klassische Grundbildung in Sprachen und den Naturwissenschaften allgemein nur sehr wenig ausgeprägt ist, was ich sehr schade finde. Daher habe ich eine eigene Parlamentariergruppe gebildet, die das Ziel hat, die klassischen Sprachen zu fördern.

Als Gründer und Geschäftsführer einer Nachhilfeschule haben Sie ja auch den direkten Kontakt zu Schülerinnen und Schülern und kennen deren Lernprobleme. Welche Tipps können Sie uns dazu geben?
Patrick Meinhardt:  Es ist zunächst einmal wichtig herauszufinden, wie der einzelne Schüler oder die Schülerin lernt. Denn das ist genau der Punkt, der in der Schule meist zu kurz kommt. Denn erst nachdem der eigene Lernmodus und das Lerntempo festgestellt worden ist, kann daraus dann eine individuelle Lernstrategie entwickelt werden: Wie baue ich meinen Nachmittag auf? Wie bereite ich mich auf eine Prüfung vor? Das „Wie“ ist meist wichtiger als das „Was“. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Loben! Ein Lob zur richtigen Zeit kann Hemmschwellen abbauen und dadurch einen neuen Motivationsschub erzeugen. Mein dritter Punkt richtet sich an die Eltern: Ein falscher Ehrgeiz der Eltern kann sehr leicht zu einer Leistungsüberforderung bei den Kindern führen. Es muss nicht immer gleich das Gymnasium sein, denn es gibt heute so viele Möglichkeiten hintereinander aufzubauen, so dass man herausfinden muss, wo sich das Kind in seinem Lernumfeld am wohlsten fühlt.

Sie und Ihre Partei setzen sich für das Recht der Bürger auf Bildung ein und gleichzeitig möchten Sie den Einzelnen in die Verantwortung nehmen. Welche konkreten politischen Maßnahmen gehen damit einher?
Patrick Meinhardt: Bildung ist für mich die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Die Politik hat die Rahmenbedingungen zu setzen und deshalb bin ich stolz darauf, dass es uns gelungen ist, in dieser Legislaturperiode die Ausgaben für Bildung um 12 Milliarden Euro zu erhöhen; das ist die höchste Steigerungsrate, die es je nach 1945 für Bildung und Forschung gegeben hat. Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Frage, wer über die Mittel zu entscheiden hat; es kann nicht sein, dass in Hinterzimmern der Ministerien über Investitionen in Schulen bestimmt wird. Vielmehr sollten die Schulen mehr Entscheidungskompetenz bekommen, damit Schülerinnen und Schüler individuell gefördert werden können. Laut einer OECD-Studie haben wir in Deutschland immer noch eine viel zu geringe Weiterbildungsquote. Daher sind wir vergleichsweise noch ein Entwicklungsland, wenn es darum geht, zu erkennen, wie wichtig Weiterbildung für die eigene persönliche Entwicklung ist. Leider gibt es bei uns drei Gruppen, die eine sehr niedrige Weiterbildungsquote aufweisen: Das sind sehr junge Menschen ohne Ausbildung, Migranten und über 50-Jährige. Es geht jetzt darum, für diese Menschen ein attraktives Anreizsystem zu schaffen. Leider wurde in der Vergangenheit die Weiterbildungsprämie nur 6.900 Mal in Anspruch genommen. Jetzt haben wir diese Prämie, auf Initiative der FDP, auf 500 Euro erhöht und damit erreicht, dass 1 Euro  staatliche Förderung dazu führt, dass nun 2 Euro an privaten Bildungsinvestitionen durch die Teilnehmer selbst realisiert werden können. Das ist für mich das richtige Projekt, um Anreize zu schaffen. Für das Thema Bildungssparen bin ich der Berichterstatter im Deutschen Bundestag; wir wollen erreichen, dass die Investition in Bildung eine ähnliche Wertigkeit erhält, wie das Bausparen.

Kürzlich wurde über eine Gleichwertigkeit von Handwerksmeister und dem Bachelor entschieden. Welche weiteren Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um die Wertigkeit von Schulabschlüssen und Ausbildungen in Europa anzugleichen?
Patrick Meinhardt: Wir brauchen auf der europäischen Ebene Vergleichspunkte beim Europäischen Qualifikationsrahmen. Die Diskussionen der letzten Wochen haben verdeutlicht, dass es sehr schwierig ist, zwei- und dreijährige Ausbildungen auf vergleichbare Niveaustufen abzubilden. Beispielsweise werden Schulabschlüsse anderer europäischer Staaten mit unserem deutschen Abitur gleichgesetzt, obwohl diese deutlich darunter liegen. Zweiter Punkt ist es, für Menschen mit einer Berufsausbildung den Zugang zum Studium zu ermöglichen. In der Vergangenheit war eine Bafög-Finanzierung nur bis zum 30. Lebensjahr möglich. Das haben wir geändert: Es gilt jetzt das 35. Lebensjahr, denn wir wissen, dass oftmals nach einem Bachelor die erste berufliche Praxis folgt, bevor man dann mit Praxiserfahrung ein Masterstudium startet. Wir als FDP fordern sogar überhaupt keine Grenze, denn für uns gilt lebenslanges Lernen wirklich bis zum Ende einer beruflichen Tätigkeit. Auch beim Schulwechsel gibt es Probleme beim Überschreiten von Ländergrenzen innerhalb Deutschlands. Daher setzen wir uns für einen Bildungsstaatsvertrag unter den Bundesländern ein, um die Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen sicherzustellen. Es würde auch in einem ersten Schritt durchaus genügen, wenn sich zunächst sechs oder sieben Länder zusammenschließen, denn dann würden die anderen Länder sicher folgen.

> Interview: Thomas Veith