„Wichtig ist doch erst mal, mit den Leuten überhaupt ins Gespräch zu kommen“

Besuch bei der Recruiting-Messe der Hochschule Offenburg – Sind solche Messen hilfreich?

Offenburg, 19.11.12 – Gefackelt wird nicht lange. Zielstrebig marschieren Kim Höfler (21, im Foto links) und Selina Bauer (19, im Fotorechts) durch die Tür zum Gebäude B der Hochschule Offenburg. Die beiden Studentinnen wissen genau, was sie wollen: „Firmen kennen lernen, bei denen ich später arbeiten könnte“, sagt Kim Höfler, die Wirtschaftsingenieurwesen im 3. Semester studiert. Bei BWL-Studentin Selina Bauer (2. Semester) ist es ähnlich: „Ich möchte ein Unternehmen finden, bei dem ich mein Praxissemester machen kann.“ Auch sonst gefallen der jungen Frau die Annehmlichkeiten, die die jährliche Karrieremesse auf dem Hochschulcampus bietet: „Wo sonst kann man so viele Süßigkeiten auf einmal abstauben?“

Der erste Eindruck: Mächtig voll hier. Überall Infostände, Prospekte, Plakate und Studenten. Stimmengewirr aus allen Richtungen, 95 Unternehmen aus der ganzen Region. Ist es bei so viel Andrang überhaupt möglich, in Ruhe ein Gespräch zu führen, geschweige denn, einen verbindlichen Vertrag abzuschließen? „Das geht schon“, gibt sich Selina Bauer zuversichtlich. Auch ihre Freundin Kim startet sofort zum ersten Stand durch: „Da hängen ja schon die Stellenanzeigen. Vielleicht finde ich direkt eine Stelle für mein Praxissemester.“

Doch der Zettelwald des Sanitär-Produzenten Hansgrohe sorgt erst einmal für Verwirrung. „Wieso tropft denen denn der Speichel aus dem Mund?“, fragt Selina Bauer. Gemeint sind die Stellenbeschreibungen, auf denen klitschnasse Gesichter abgebildet sind – zweifellos eine Anspielung auf die Badezimmer-Armaturen, die Hansgrohe herstellt. Und die angebotenen Jobs? Werden fast alle mit englischen Begriffen angegeben. „Warum soll ein Student denn als Facility Manager arbeiten?“, wundert sich Höfler. „Ist das nicht so was wie ein Hausmeister?“ Immerhin: Für ihren Studiengang gibt es auch einen Treffer: „Praktikum im Bereich Industrial Engineering.“

Zweiter Versuch. Beim Autozulieferer Marquardt geht ein Mitarbeiter sofort auf die Studentinnen zu. „Können wir Ihnen helfen? In welchem Semester sind Sie gerade?“ Die jungen Frauen antworten ebenso direkt: „Was produzieren Sie denn? Kann man bei Ihnen auch ein Auslandspraktikum machen?“ Der Mitarbeiter – vom Aussehen her nicht viel älter als die beiden – erzählt von elektronischen Autoschlüsseln, Bedienelementen und Niederlassungen in aller Welt: „Schreiben Sie Ihre Wünsche direkt in die Bewerbung rein. Da lässt sich sicher etwas machen.“ Die Augen der Studentinnen funkeln: „Da werde ich mich auf jeden Fall bewerben“, sagt Bauer. „Auch für mich wäre das ideal“, erwidert Höfler. „Schon deshalb, weil die Firma in der Nähe von Tuttlingen liegt, wo ich herkomme.“

Weiter geht’s. Kim Höfler und Selina Bauer bahnen sich ihren Weg durchs Hochschulgebäude, vorbei an Kommilitonen, Stellwänden und Firmen-Repräsentanten mit aussagekräftigen T-Shirts: „Wir suchen Informatiker“ steht auf einem – Mode-Botschaften im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Ansonsten sind sowohl die Studenten als auch die Vertreter der Berufswelt ziemlich leger gekleidet: Pullover, Jeans, ab und zu ein Hemd. Krawatten sind so gut wie nirgends zu sehen. Und auch der Ton ist größtenteils ungezwungen und locker, anders als in so manchem Vorstellungsgespräch. An einigen Ständen werden die jungen Frauen sofort geduzt. „Wenn das für euch okay ist“, schieben die meisten schnell noch hinterher.

 
Aussagekräftiges Shirt

Am Ende des Erdgeschosses fällt Bauer der Lidl-Stand ins Auge. „Ich würde gerne ein Praktikum im Bereich Controlling machen“, sagt sie selbstbewusst. Der Supermarkt-Mitarbeiter schwärmt von Filialen in 27 Ländern, einer Belegschaft von 200.000 Angestellten und schnellen Aufstiegsmöglichkeiten. Kurze Zeit später trägt Selina Bauer eine Papiertüte voller Infomaterial. „Die haben mich jetzt richtig neugierig gemacht.“

Fünf Minuten später ist die gute Laune der 19-Jährigen schlagartig verflogen. „Das war wirklich unverschämt“, sagt sie, als sie vom Stand des Kugellager-Herstellers Schaeffler zurückkehrt. „Die haben gedacht, eine BWL-Studentin könnte mit einer Automatik-Kupplung nichts anfangen. Als wäre ich total bescheuert!“ Höfler sieht die Sache entspannter: Mit ihrem Studiengang stehen ihr in der Automobilbranche allerlei Möglichkeiten offen – auch eine Abschlussarbeit im besagten Betrieb. „Immerhin haben sie uns gesagt, dass man dort als Praktikant keinen Kaffee kochen muss.“

In der ersten Etage wendet sich das Blatt. Beim Motorenhersteller „EBM-Papst“ dreht sich das Gespräch erneut um Auslandsaufenthalte. „Schreiben Sie doch eine Initiativbewerbung“, rät der junge Mann, der die Firma vertritt. „Ob wirklich ein Auslandspraktikum möglich ist, kann ich Ihnen aber jetzt noch nicht zusichern.“ So läuft es an fast jedem Messestand: Hochglanzbroschüren wandern von einer Hand in die andere, Visitenkarten werden getauscht, ein paar unverbindliche Worte gewechselt. Eine feste Zusage gibt es nirgendwo – was die beiden Studentinnen aber auch nicht erwartet hatten. „Wichtig ist doch erst mal, mit den Leuten überhaupt ins Gespräch zu kommen“, findet Kim Höfler.   

Je länger man durch die Hochschulgänge schlendert, desto deutlicher wird die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt. Die Unternehmen ringen regelrecht um qualifizierten Nachwuchs. Viele bewerben die von ihnen mitgetragenen Deutschland-Stipendien – eine Förderung von Studenten, die zur Hälfte vom Staat und zur anderen Hälfte aus der Wirtschaft finanziert wird. Während Studenten der Geisteswissenschaften über fehlende Deutschlandstipendien klagen, können sich die Wirtschafts- und Technikabsolventen der Offenburger Hochschule über ein großes Angebot freuen. Genau wie über die vielen Präsente, die die Firmen verteilen: Gummibärchen, Notizzettel, LED-Lampen, Schlüsselbänder. Oder Tesa-Rollen aus dem Offenburger Werk.

Zwei Stunden später: Beladen mit Prospekten, Visitenkarten und Stellenanzeigen steuern die Studentinnen den Ausgang an. Hat ihnen eine solche Massenveranstaltung wirklich geholfen? „Ja“, sagen beide einmütig. „Natürlich können sich die Firmen die Gesichter der einzelnen Leute nicht alle merken“, räumt Selina Bauer ein. „Aber dafür haben wir sehr viele Informationen auf einen Schlag bekommen, die wir sonst aus Bequemlichkeit wahrscheinlich nicht selbst recherchiert hätten.“ Für Kim Höfler hat es sich ebenfalls gelohnt: „In Bewerbungen können wir jetzt sagen, dass wir mit den Firmen schon Kontakt hatten. Das ist definitiv der größte Vorteil.“

Text und Fotos:
Steve Przybilla


Beladen mit Infomaterial