Museumspädagogin Antje Oswald und Schülerinnen der Realschule Baden-Baden: Welche Geschichte verbirgt sich hinter diesen Steinen?

Schule und Museum – Geschichtsunterricht mal anders!

Workshops im Stadtmuseum Baden-Baden

"Null Bock"
Die erste Grundstimmung war eindeutig: Der Geschichtslehrer der Realschule Baden-Baden plant mit seiner Schulklasse einen Ausflug ins Stadtmuseum: "Das wird bestimmt total öde, keine Lust auf Geschichte!", so (natürlich) die erste Reaktion der SchülerInnen.Im Rahmen der Sonderausstellung »Weil eine Zahl keinen Namen hat – Stolpersteine in Baden-Baden« besuchte die 9. Klasse der Realschule den Workshop »Flucht und Vertreibung – Opfer des Dritten Reichs« im Stadtmuseum Baden-Baden. Hierbei handelte es sich um einen Workshop, der sich mit den Stolpersteinen auseinandersetzte. Diese sind in Baden-Baden in zahlreichen Straßen als Mahnmal zu sehen und erinnern an Opfer des Dritten Reichs.

Einige Wochen, nachdem die SchülerInnen im Stadtmuseum zu Gast waren, wird ein Fazit gezogen. Hierzu treffen sich Viktoria, Janine und Suriya unserer 9. Klasse an einem Montagnachmittag in einem Baden-Badener Café und resümieren: Was war gut, was war schlecht am Workshop? Warum kann ein Besuch in einem Museum spannend, sinnvoll und nachhaltig sein? Und warum ist Geschichte für uns alle doch eigentlich so wichtig?

AHA-Effekt im Stadtmuseum
Zunächst war den SchülerInnen gar nicht bewusst, was sie erwarten würde und was Stolpersteine überhaupt bedeuten: "Hää, was ist das?", war die erste Reaktion der Klasse, als sie das Wort Stolpersteine hörten.

Durch den Besuch im Museum und den sehr interaktiven Workshop ging den SchülerInnen sodann ein Licht auf: "Stimmt! Diese Steine sind überall in der Stadt zu sehen?" Aber was verbirgt sich für eine Geschichte hinter diesen Steinen, die Namen, Lebensdaten und vieles mehr verraten? „Warum gibt es diese Steine in unserer kleinen Stadt, die mit einem großen Weltthema in Verbindung stehen?”, so die Vorerkenntnis von Viktoria mit einem kleinen Zwinkern im Augenwinkel.

Erste Berührungspunkte mit den Stolpersteinen gab es bereits in der Vergangenheit, berichtet Janine. In ihrer ehemaligen Schule übernahm ihre Klasse eine Patenschaft für einen Stolperstein, der in Baden-Baden verlegt wurde. Viktoria und Suriya konstatieren einstimmig: „Ja, wenn wir nach Hause laufen, fallen diese Steine natürlich auf. Und nun zu wissen, was es mit ihnen auf sich hat, wurde durch den Besuch des Workshops bewirkt.” Die Schülerinnen erinnern sich, dass der Spielwarenladen »Schwarzwaldbazar« in der Lichtentaler Straße einem geflohenen Juden gehörte, den sie durch den Workshop kennengelernt haben. Geschichten von Anne Frank und anderen zahlreich verfolgten Menschen kennen die Schülerinnen aus Film, Buch und Fernsehen. Und es folgt die Erkenntnis: „Hey, von diesen Menschen gab es so viele und zwar direkt vor unserer Haustür!”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Käthe-Kruse-Puppe, wie sie vom Inhaber des Spielwarenladens »Schwarzwald-Bazar« in der Lichtentaler Straße, Robert Nachmann, verkauft wurde. Die Puppen stellten für den Juden, der aus seiner Heimat Baden-Baden fliehen musste, eine wichtige Erinnerung an sein altes Leben und gutgehendes Geschäft dar.

 

„Wir sind nicht eingeschlafen”
Moderiert wurde der 90-minütige Workshop von der Museumspädagogin des Stadtmuseums, Antje Oswald. Allerdings beschränkte sich ihre Funktion darauf, den SchülerInnen Hilfestellungen zu geben und mit gezielten Nachfragen, Diskussionen zum Thema anzuregen. Die zentrale und somit aktive Rolle übernahmen die SchülerInnen selbst: In Teams erarbeiteten sie sich einen Stolperstein, den sie dann der gesamten Gruppe vorstellten: „Hätten wir das Thema als Frontalunterricht in der Schule behandelt, wäre sicher kaum etwas hängengeblieben.” Durch eine Schnitzeljagd durch die Ausstellung, durch knapp formulierte Leitfragen sowie viele anschauliche Bilder wurde der Workshop sehr kommunikativ und interaktiv. Eine Besonderheit der Ausstellung waren Tonaufnahmen, die Zeitzeugenberichte und Stimmen von Hinterbliebenen der Opfer darstellen. Durch diese echten Stimmen entstand „Gänsehaut”, so die drei Schülerinnen beim Beschreiben der Arbeitsatmosphäre. Man hörte den anderen Teams zu, die referierten, denn man wollte wissen, welches Schicksal sich hinter ihrem Stein verbirgt. Und am Ende wurde die Zeit sogar knapp: „Danach haben wir uns in unserer Mädelsgruppe nochmals über das Thema ausgetauscht.” Suriya und Janine fassen zusammen: „Man kennt H&M, die Clubs hier zum Weggehen – aber diese Steine schockieren und regen zum Nachdenken an.”

„Museum als außerschulischer Lernort”
„Wir glauben, Nachteile gibt es kaum!”, sagen die drei Mädchen. Lernen im Museum schaffe Bewegung und lockere die Stimmung. Und die echten Objekte seien eine sinnvolle Ergänzung zum Geschichtsbuch.

Viktoria, Janine und Suriya würden auf jeden Fall wieder ins Museum kommen, um Geschichte zu erleben und zu erfahren: „Der Workshop hat mir die Augen geöffnet,” so Viktoria: „Die Schicksale haben zum Nachdenken angeregt und uns feinfühliger für Themen gemacht, die zwar in der Vergangenheit liegen, aber uns heute noch betreffen (sollten).”

„Ein großes Dankeschön an die Schülerinnen der 9. Klasse, Realschule Baden-Baden!”


Antje Oswald

Museumspädagogik Stadtmuseum Baden-Baden


Aktuelle Workshops für Schulklassen im Stadtmuseum
Rallye „Veni, vidi, vici – Römer-Quiz” (für Klassen 3 bis 7)
Rallye „Der Stadtgeschichte auf der Spur” (für Klassen 3 bis 7)
Workshop „Vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs” (ab Klasse 9)

Information und Anmeldung bei Antje Oswald unter Tel.  07221 932273 oder antje.oswald@baden-baden.de